
Allerdings mag er es nicht, wenn wir ihn auf einen hohen Sockel stellen und pausenlos anhimmeln. Nein, er möchte auf Augenhöhe mit uns bleiben und auch als Seliger die Bodenhaftung nicht verlieren. Der Mensch in ihm, mit seinen Stärken und auch Schwächen, mit seinen Freuden und auch Leiden, der möchte er auch vor Gott im Himmel wie auch für uns auf Erden sein und bleiben. Ein Beispiel seiner ehrlichen Selbsteinschätzung sei hier erwähnt: Er hatte bei einer Versammlung der Vereinsvorstände in Freiburg wieder einmal eine seiner flammenden Reden gehalten. Vor Begeisterung reagierten die Zuhörer mit „Standing ovations" und brachen in „Hoch Kolping" Rufen aus. Da habe Adolph Kolping den Jubel sofort gestoppt und mit todernstem Gesicht erklärt: „Ich will kein Hoch. Wenn etwas Gutes an unserer Sache ist, so gebt dem da oben die Ehre. Ihm sei Lob und Preis in Ewigkeit. Wollt ihr aber für mich etwas tun, so spart eure Lungen und bete ein jeder heute Abend ein Vaterunser für mich."
Keine gespielte, gekünstelte Bescheidenheit war das. Vielmehr wusste Adolph Kolping um seine eigene Kraft und Kompetenz, aber auch in allem und vor allem darum, dass Gott ihn berufen und zu einem großen Dienst bestellt hatte. Als Neupriester bekannte er in seiner ersten Predigt: „Ich will mit der Gnade Gottes zur Vollkommenheit streben, denn auch mir hat der Erlöser gesagt: Tu sequere me! (Du folge mir nach!). Diese lateinischen Worte sind am Sarkophag in der Minoritenkirche zu Köln eingraviert. Adolph Kolping wusste sehr wohl um seine menschliche Begrenztheit und vertraute sich im Gebet immer wieder der Barmherzigkeit Gottes an. Er sprach sicherlich auch von sich selbst, wenn er die Frage stellte: „Ist Wissen auch schon Bildung?" Und er fuhr fort: „Man kann ungeheuer viel wissen und ein grundschlechtes Möbel im Haushalt Gottes sein."

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Halten wir fest: Die Seligsprechung wollte uns Adolph Kolping nicht entrücken und von uns distanzieren. Vielmehr hatte sie das Ziel, uns Adolph Kolping in seiner ganzen Persönlichkeit noch deutlicher vor Augen zu stellen. Ein Wort von Papst Johannes Paul II. bei seinem ersten Deutschlandbesuch am 15. November 1980 in der Minoritenkirche sollte vor allem für die Mitglieder des Kolpingwerkes verbindlich sein: „Solche Leitbilder wie Adolph Kolping brauchen wir für die Kirche von heute!" Leit- und Vorbild kann Adolph Kolping aber nur dann für uns sein, wenn wir ihn und sein Leben kennen, wenn wir uns mit ihm gerade auch als Mensch vertraut machen. Es geht also um Verehrung und Nachahmung des seligen Adolph Kolping!
Adolph Kolping - der Mensch! Ein wahrlich unerschöpfliches Thema! Deshalb nur einige Aspekte stellvertretend für viele:
Adolph Kolping war ein Familienmensch. Er verdankt sich zeitlebens seiner Familie und Heimat in Kerpen, Durch sie wurde er menschlich, emotional und religiös geprägt. Mit Hochachtung spricht er von seinen Eltern als „stille, ehrbare Leute, deren ganzes Vermögen in einer zahlreichen Familie bestand". Als viertes von fünf Kindern wuchs er auf.
Adolph Kolping kannte sich aus im Leiden, drei seiner Geschwister hat er überlebt. Seine Mutter starb, als er noch keine 20 Jahre alt war. Und vom Tod seines Vaters hörte er, als er zu seiner Priesterweihe in die Minoritenkirche einzog (13. April 1845). Adolph Kolping war zeitlebens ein körperlich leidender Mensch. Schon als Student hatte er Bluthusten. Ständig litt er an Rheuma. Auch litt er unter menschlicher Einsamkeit, unter dem Fehlen von Ehe und Familie. In seiner Freundschaft zur Familie Mittweg, besonders zu Antonie Mittweg, fand er Hilfe und Geborgenheit: „Das einzige Haus in der Welt, wo ich im Grunde recht daheim bin..." Widerstände aus den eigenen Reihen hatte er zu bestehen angesichts seines pastoralen und pädagogischen Engagements für die jungen Handwerksgesellen. Schließlich wurden ihm auch der dauernde Zeit- und Arbeitsdruck, vor allem das Schreiben zur Qual. Er fühlte sich zeitweilig „wie an eine Kette geschmiedet".
Diese physischen und seelischen Leiderfahrungen haben ihn wohl auch besonders empfindlich gemacht für das Leben und Leiden anderer: „Mir sind die Leiden im Leben noch immer mehr wert gewesen als alles bloß äußere Glück, als aller Ruhm usw. Sie haben mich weicher gesotten und mich Mitleid gelehrt, und darum: Gott sei Dank auch für die Leiden!"
Und doch war Adolph Kolping kein Kind von Traurigkeit. In seinen jungen Jahren hat er weder das bayerische Bier noch eine gute Zigarre verachtet. „Ohne Freude, ohne Erheiterung kann das Menschenherz nicht sein, am wenigsten in der Jugend." Und: „Das Lachen aus heiterem Herzen ist mehr wert als die längste und schärfste Predigt."
Adolph Kolping - der Mensch! Nur diese wenigen Einblicke sollen auf Adolph Kolping als Menschen neugierig machen. Was war das für ein Mensch, der bis heute so viele Menschen begeistern kann? Wird er auch uns ermutigen, wir selbst zu sein als der jeweilig konkrete, einmalige und einzigartige Mensch? Wie ein Vermächtnis schreibt er uns ins Stammbuch, was wir am Anfang seines Tagebuches lesen können: „Erst will ich mich bestreben, Mensch zu sein, die hohe Bestimmung desselben begreifen lernen, zu der er geboren ward..." (4. November 1837). Adolph Kolping war sein Leben lang bestrebt, immer mehr Mensch zu werden, Jesus Christus ähnlich, dem Urbild des Menschen.
DER MENSCH
Versuch einer Annäherung