“ZIEH DEINE SCHUHE AUS ...”
40-jähriges Weihe-+ 25-jähriges Ortsjubiläum von Pfarrer Mathieu Gielen
in Langenberg am 11.3.2007
Predigt unseres früheren Pfarrers Heribert Peters
Liebe Gäste, liebe Michaelsgemeinde, lieber Jubilar, mein lieber Mathieu!
“Zieh deine Schuhe aus, der Ort an dem Du stehst, ist hl. Boden!” hörten wir in der Lesung. Schuhe zu tragen war zur Moses-Zeit ein Zeichen des Freien. Schuhe ablegen bedeutete, in der Verfügbarkeit eines Größeren zu stehen. -
Bis heute gibt es in unserer Kirche ein ähnlich tiefsinniges Zeichen. Vor 40 Jahren bei Deiner Priesterweihe hast Du, Mathieu, Dich am hl. Ort, vor dem Altar, auf dem Boden ausgestreckt vor unserm Gott. - Bischof und Gemeinde haben über und für Dich zu Gott gebetet und alle Heiligen zur Fürbitte angerufen, damit Du allezeit verfügbar für Gott und seine Botschaft und ein guter Diener Gottes werdest.
War die Priesterweihe heute, am 11.März, vor 40 Jahren, nun ein Anfang oder? Gewiß, unter Zustimmung der Gemeinde hat Dich der Bischof dann durch Handauflegung und Salbung offiziell zum priesterlichen Dienst geweiht. Und weil dies zeitlich fassbar und heute noch wirksam ist, sind wir zur Danksagung versammelt. Aber der Weihe ging noch Entscheidendes voraus.
Irgendwann, ganz unscheinbar, zeitlich nicht mehr so exakt fassbar hast Du, Mathieu, - allmählich sich steigernd - ein Feuer verspürt, das Dein Herz erwärmte, Dir mehr und mehr Licht auf Deinem Weg spendete, Dich immer mehr faszinierte, so dass Du Dich aufmachtest, um diese “außergewöhnliche Erscheinung näher zu betrachten” ähnlich wie Moses. Im Näherkommen fühltest Du Dich persönlich angesprochen, beim Namen gerufen. Du stelltest Dich dem, der Dich gerufen hatte, mit Deinen Fragen, wurdest offen und verfügbar für Gott.
Mit der Zeit offenbarte er Dir: “Ich bin der, der für Dich da ist.” Du wurdest Dir Deiner Winzigkeit vor ihm bewusst und lerntest ihn ‘von Herzen anzubeten’. Er zog Dich an sich, Du begabst Dich zum Studium der Theologie.
Die Zeit Deines Studiums und Deiner Weihe war dann geprägt von der Aufbruchstimmung eines Papstes Johannes XXIII und des II. Vatikanischen Konzils, der Beginn Deines pastoralen Einsatzes in Deutschland, ab 1970, fiel in die Zeit der Deutschen Synode mit ihrem hehren Pastoralziel: “Das Globalziel aller Seelsorge ist das Glück der Menschen unter dem Anspruch und Zuspruch Gottes.” -
So hast Du am 11.3.1967 zu Deinem: “ADSUM!” (“Hier bin ich, Herr!”) entsprechend Deiner Berufung gefunden und mit Deiner Weihe den Endpunkt Deiner Berufungsgeschichte gesetzt und Dein priesterliches Wirken begonnen. Darüber freuen wir uns. Mehr noch, Du hast diese Berufung mit Gottes Hilfe und dem Gebet der Gemeinde 40 Jahre durchgehalten. Dafür danken wir heute mit Dir unserm Gott, dass hier ein Priester ist, der seit 40 Jahren seinen priesterlichen Dienst treu versieht und immer wieder bemüht ist, diesen Dienst mit Freude zu tun; ein Priester, der 25 Jahre dieser Gemeinde St. Michael als Freund zur Seite steht - und seit mehr als einem Jahrzehnt ebenso in den Gemeinden St. Josef und St. Marien. Ein Priester, der mittlerweile ins geistliche Großvateralter kommt, sich dennoch die Liebe und die Offenheit für Kinder und Jugendliche bewahrt. Ich meine, da haben wir allen Grund ihm und unserm Gott zu danken, dass wir Dich, lieber Mathieu, unter uns haben dürfen.
ES BEDARF DER TAPFEREN UND MUTIGEN HERZEN
Diese Freude tut uns allen nicht nur gut, wir brauchen sie auch!!! Denn heutzutage bläst den Kirchen ein kalter Wind ins Gesicht. Die Kirchen haben in unserer Gesellschaft viel an Bedeutung verloren. Da ist es schwer, Priester oder auch Christ zu sein, und schwer, es zu bleiben. Es bedarf der tapferen und starken Herzen, die beständig Ausschau halten nach heutigen Wegen die Botschaft Jesu konsequent und zeitgemäß zu leben und weiter zu geben.
Ja, die gesellschaftliche und die kirchliche Entwicklung hat uns nachdenklich gemacht. Die sorgenvolle Frage eines Romano Guardini in München 1960, “ob der Mensch noch eucharistiefähig sei” , ist uns zur Frage geworden, ob der heutige Mensch noch gottesfähig ist”.
“Viele unserer Zeitgenossen sind von einer Schwerhörigkeit oder gar Taubheit Gott gegenüber” urteilt Papst Benedikt XVI.
Müssten wir nicht einander helfen, wieder zu entdecken, dass Gott einer von uns wurde und deswegen sich in unsere unheimliche Geschichte eingemischt hat, um uns den Zugang zur bleibenden Heimat bei Gott wieder zu eröffnen?
“Nur wenn wir Gott in die Welt herein lassen”, wenn wir Freunde Gottes werden, “kann die Erde hell und kann die Welt menschlich sein.”(Benedikt XVI)
Das prophetische Wort eines verstorbenen Theologen Karl Rahner: “Der Christ der Zukunft ist entweder Mystiker oder der Christ hat keine Zukunft mehr”, treibt uns um. Nicht wenige Kirchenleute trösten sich mit dem uralten Erfahrungssatz: “(Anima humana naturaliter christiana) Die Seele des Menschen ist von Natur aus christlich.” Ein zaghaftes Ansteigen von Wiedereintritten in die Kirche vermag aber die auf hohem Niveau gleichbleibenden Austritte nicht wett zu machen. Ich finde, da bedarf es noch weit mehr als heutiger Sinus Milieu-Studien und als materieller Sparmaßnahmen, damit Kirche Zukunft hat. Mir scheint all unsere Anstrengungen müssten dahin gehen, dass wir dem Christen, der Christin, ermöglichen Mystiker zu werden. Aber dazu müssten wir zuerst selbst Mystiker sein, statt Hektiker und Pastoraltechniker.
GELTUNG, GELD, GESCHLECHT.
Ein beherzigenswerter und plausibler Ansatz erscheint da aus der Sozialpsychologie zu kommen. “Tief in jedem Menschen sitzen 3 unausrottbare Wünsche”, so lehren uns Sozialpsychologen. Etwas platt und oberflächlich nenne ich diese drei “Wünsche”: GELTUNG, GELD, GESCHLECHT.
GELTUNG meint: Jeder Mensch braucht Ansehen. Jeder will angesehen werden, wahrgenommen werden, will wer sein und nicht unter ferner liefen geführt werden. Damit er aber etwas gilt, muss er etwas können. Wenn er etwas machen kann, spricht man von ihm. Er macht sich einen Namen, er stellt jemand dar. Das Machen-Können wiederum verschafft ihm Macht. Für Macht steht heute GELD. Das wiederum verschafft ihm Besitz, etwas worauf er sitzen kann, etwas, was ihm die Freiheit, eigenständig zu leben, gewährt; wo er ein GESCHLECHT, eine Familie, eine Beheimatung begründen und Wurzeln schlagen kann. - Keiner kann völlig unbehaust leben. Jeder braucht ein Obdach, wo er zugehört, also auch ein Obdach für die Seele.
Wichtig wird uns da die Beheimatung bei anderen Menschen, in einer Familie, bei guten Freunden. Zugleich aber ahnen wir, dass alle diese Wohnungen verlassen werden müssen. Der Tod zwingt alle von uns zum Aufbruch. Gerade dann verheißt die Religion ein bleibendes Dach über der Seele. Gott vergisst auch in der Nacht des Todes meinen Namen nicht. Jesus ging heim zum Vater, um uns im Himmel eine Wohnung zu bereiten. Diese Ursehnsüchte des Menschen gilt es sich zu eigen und bewusst zu machen und zur Sehnsucht nach einer tragenden Obhut für die Seele werden zu lassen..
Religion, - was abgeleitet vom lateinischen “religare” bedeutet, die Suche, die Sehnsucht sich irgendwo anzubinden, festzumachen, - hat sehr viel mit Mystik zu tun. Das griechische Wort Mystik kommt von myein, was soviel heißt wie staunend beschweigen. Von diesem Zeitwort leitet sich das Hauptwort “mysterion” ab. In unserer Sprache steht dafür das aufschlussreiche Wort Geheimnis. Dieses Bildwort deutet bereits auf Heim, Heimat und Wohnen hin. Was wir in unserem theologischen Denken oft übersehen, ist, dass der Sinn der Geheimnisse nicht darin besteht, dass wir sie verstehen, sondern sie mit unserer Seele bewohnen. Ein Mystiker ist dann gleichsam ein Geheimnisbewohner, der das Geheimnis - Dinge, die er nicht versteht, als zu groß für ihn gelten lässt und schweigend bestaunt.
WEGE ZUR FREUNDSCHAFT
Das kann ihm möglich werden, wenn er die Wege zur Freundschaft, zur Gottesfreundschaft, beherzigt .
VERTRAUEN
"Man kennt nur die Dinge, die man zähmt«, lässt Saint Exupéry den Fuchs zum kleinen Prinzen sagen. "Zähmen” als Synonym für “vertraut machen” da ahnt jeder, das geht nicht auf die Schnelle. Das braucht Zeit und viel Geduld, das geht nur in kleinen Schritten. “Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennen zu lernen. Sie kaufen alles fertig im Geschäft.” Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, und die Kirchen keine Warenhäuser für Glaube und Gottesbeziehung sind, haben die Menschen keine Freunde, keine Gemeinschaft, keine Gemeinde und keine Gottesbeziehung mehr.
In der Gottesfreundschaft zu bleiben vermag nur der, der sich von Gott “zähmen” läßt, d. h.: sich auf Gott einstellt, in Geduld ihm näher kommt, sich ihm öffnet, Ehrfurcht vor ihm hat, ihm immer neu vertraut. Für ein solches Sich-Nahe-Kommen mit Gott ist es nie zu spät. Dass Du, Mathieu, Dich in diesen 40 Jahren immer wieder darum gemüht hast und auch uns angeleitet hast, ist uns Grund, mit Dir Gott zu danken.
HEILENDE ORDNUNG
“Es muss feste Bräuche geben; auch etwas in Vergessenheit Geratenes.’ weiß der Fuchs. - Bei aller Offenheit und Spontaneität brauchen wir Haltepunkte für unser persönliches Leben; Strukturen für unsere Lebensbeziehungen. Wir brauchen Glaubensstützen für unser religiöses Leben. Wir brauchen eine heilende Ordnung. Nicht irgendwann nach Lust und Laune beten, sondern beten in einer heilenden Ordnung auch wenn einem einmal nicht danach zumute ist. Das muss nicht zum geheuchelten Beten missraten. Auch ein mühevolles, selbst ein gescheiterter Versuch zu beten, ist Gebet, ist Bemühen um Gottesbeziehung. - Dir, lieber Mathieu, hat die Liebe und Beständigkeit in dieser heilenden Ordnung geholfen, die 40 Jahre durchzuhalten.
VERANTWORTUNG
" Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast”, mahnt der Fuchs am Ende.
Wer auf einen Ruf hin Antwort gibt, nimmt Verantwortung wahr. Wenn diese Antwort, dieses Dialogische, dieses Geschwisterliche des Lebens in Liebe getaucht ist, werden wir immer Worte zur rechten Zeit finden. Diese in Liebe getauchte Geschwisterlichkeit durften wir bei Dir, Mathieu, immer wieder erleben.
Liebe Schwestern und Brüder, wie viel heiler könnte unsere Welt werden, wenn wir alle mitmachen wollten, wieder von Herzen zu vertrauen, eine heilende Ordnung in unserm persönlichen Leben und im Miteinander zu üben und Verantwortung füreinander zu übernehmen., wenn wir dazu beitragen, dass Gott nicht ausgeklammert wird aus dem Leben der Menschen, und dass Kinder nicht um Gott betrogen werden. Dann wird diese Michaelskirche nicht zu einem Museum für die Asche einer christlichen Tradition, sondern bleibt “bergischer Dom” für eine lebendige Gemeinde und aktives Christenleben, wie es die Alten hier immer gewünscht haben.
Heribert Peters
Druckversion laden ....